Ollnborger Kring e.V.

                                                ein Stadtoldenburger Heimatverein

                                                              von Fritz Lottmann

 

 

Der Ollnborger Kring wurde am 21. März 1921 als Stadtoldenburger Heimatverein gegründet.

Dieser sachlich klingende Satz würde die Leistung der Gründungsväter sehr schmälern, wenn

nicht die dazugehörenden Zeit, die Umstände und die unzähligen Aktionen möglichst genau

und umfangreich geschildert würden.

Nun ist der Ollnborger Kring einer der wenigen Vereine, deren Gründungsgeschichte bereits 

recht gut in dem ersten Band einer Chronik, die inzwischen aus über 25 großformatigen Bän-

den besteht, durch das Gründungsmitglied Jan Heinken festgehalten wurde. Diese Chronik ist

inzwischen ein einzigartiges, vereins- aber auch zeitgeschichtliches Dokument.

Um eine zurückliegende Zeit mit ihren Geschehnissen und den Motiven und Handlungsweisen

der Akteure zu verstehen, muss man diese Zeit im Detail möglichst genau darstellen und sie

dann sorgfältig in die größeren Zusammenhänge einordnen. Noch besser ist es, wenn es gelingt,

sich in diese Zeit zu begeben, also ein Stückchen in ihr zu leben.

 

1921 – der I. Weltkrieg war gerade einmal zweieinhalb Jahre vorbei. Die anfänglich so eupho-

rische Kriegsstimmung jedes Einzelnen hatte sich schnell in Resignation, Kummer, Not und Enttäuschung

verwandelt. Millionen von Menschen waren zu Tode gekommen und Hundert-

tausende zu Krüppeln geschossen worden. Das politische Gemeinwesen Deutschland war zer-

stört und das Volksvermögen war ebenso vernichtet wie das Privatvermögen. Die Menschen,

die diesen sinnlosen Krieg überlebt hatten, waren an Körper und Seele ausgebrannt. Sie litten

entsetzliche Not, sie hatten Hunger auf Brot, aber auch ebenso Hunger auf ein bisschen Unter-

haltung und kulturelle Nahrung für den Geist und die geschundene Seele.

Der bis dahin so stabile, mit klaren Vorstellungen besetzte Begriff „Heimat“ war erheblich ins Wanken

geraten und musste neu überdacht werden. Es musste eine Definition gefunden werden, in der sich

traditionelles Denken und Empfinden mit einer völlig veränderten politischen und gesellschaftspolitischen

Situation vereinten.

In dieser kritischen Situation, in der neue Werte gesucht wurden, hat sich der Ollnborger Kring

hohe Verdienste erworben, weil er gleich ein richtungweisendes Programm aufstellte. Wie groß

das Bedürfnis nach einer solchen Vereinigung war, zeigte die schnell anwachsende Mitglieder-

zahl, die in den ersten zwei Jahren von 60 auf über 2000 Mitglieder anwuchs.  

Die Idee zur Gründung eines Oldenburger Heimatvereins mit einer umfangreichen Kulturpflege

kam von den Lehrern Jan Heinken und Albert Hillmer. Beide entwickelten eine enorme Energie,

um diesen Plan zu verwirklichen. Sie trafen sich am 21. Januar 1921 in Etzhorn bei einer Lesung

von Jan Heinken und konnten in einem anschließenden Gespräch ihre Vorstellung schon recht

konkret fassen. Bereits zwei Tage später trafen sie sich mit Hermann Oncken in dessen Wohnung,

um Einzelheiten zu besprechen.

Am 20. Februar 1921 veröffentlichte Jan Heinken in der „Oldenburgischen Landeszeitung“ -  viel-

leicht etwas voreilig, aber einen schon mit wichtigen inhaltlichen Aussagen versehenen Artikel,

der breites Interesse fand. Oldenburger Persönlichkeiten wie der Schriftsteller August Hinrichs, 

der Hauptschriftleiter der Zeitung Wilhelm von Busch, die Oberlehrer Dr. August Frese, Dr. Karl Fissen,

der Seminarlehrer Emil Pleintner, die Professoren Wilhelm Wisser und Bernhard Winter, der Medi-

zinalrat Dr. Max Roth, der Buchhändler Siems, Georg Teilmann und viele mehr, waren interessiert

und beobachteten sehr aufmerksam was dort wohl passierte.

                                                                       - 2 -

Besonders bemerkenswert war, dass Jan Heinken in seinem Artikel gleich eine klare Absage an

die in dieser Zeit häufigen Vergnügensvereinsgründungen erteilte.

Er schrieb wörtlich: „Wir wollen arbeiten! Unsere Arbeit ist unsere Unterhaltung!“ 

Das Arbeitsprogramm lieferte er in der Veröffentlichung gleich mit und gliederte es in vier Punkte:

1. Pflege und Förderung der plattdeutschen Sprache und Literatur

2. Heimat- und Kulturpflege

3. Altertums- und Sprachforschung

4. Schutz von Altertümern, von Volksbräuchen und Volkssitten.

 

Die Ereignisse überstürzten sich jetzt und eine Gründung schien kurz bevorzustehen. Immer häufiger

trafen sich die Initiatoren im Hotel Haus Schöneck am Julius-Mosen-Platz, um letzte Einzelheiten zu klären.

W. Wilken wies am 23. Februar 1921 in einem Artikel in der Landeszeitung noch einmal auf die In-

halte hin und schrieb unter anderem: „So ist in der Vereinigung ernste Arbeit zu leisten. Sie soll kein

Zusammenschluss von Genusssuchenden werden, sondern eine Arbeitsgemeinschaft, die die Kultur

der Heimat und damit die Grundlage aller Kulturen pflegen will.“

Albert Hillmer beendete am 3. März 1921 die Diskussion um die Namensgebung des neuen Vereins

mit dem Vorschlag: Ollnborger Kring, der von allen angenommen wurde. Es wurde beschlossen,

in der Stallingschen Buchhandlung am Theaterwall 4 eine Liste auszulegen, in der sich Interessierte

schon eintragen konnten.

Eigentlich stand nun einer Vereinsgründung nichts mehr im Wege, wenn die Verantwortlichen nicht

ein besonders schwieriges und sensibles Thema permanent vor sich her geschoben und verdrängt hätten.

Wilhelm von Busch, August Hinrichs und andere wichtige Persönlichkeiten gehörten der in Olden-

burg wirkenden „Literarischen Vereinigung von 1778“ an und sahen in dem neuen Verein, deren 

Arbeitsinhalte jetzt deutlicher wurden, eine ernstzunehmende Konkurrenz.

So standen kurz vor der Gründung noch schwierige Verhandlungen an, denn jeder wollte eine Form

der Bestandssicherung, aber alle wollten auch die Gründung des Heimatvereins, um dadurch eine Be-

lebung der niederdeutschen Kultur zu erreichen. August Hinrichs und Wilhelm von Busch für die

„Literarische Vereinigung“ und Dr. Karl Fissen, Dr. August Frese und Jan Heinken für den „Olln-

borger Kring“ waren sich als Verhandlungspartner darin einig, dass es nicht gegeneinander gehen

könne. Nur eine sinnvolle Zusammenarbeit versprach Fortschritte auf dem Wege zum gemeinsamen 

Ziel. 

Es war Dr. Karl Fissen, der bei diesen schwierigen Verhandlungen großes Geschick bewies und

schließlich eine Einigung erreichte, die für alle einen tragbaren Kompromiss darstellte.

1. Keine Einmischung in die Angelegenheit des anderen Vereins.

2. Zwei Mitglieder der Literarischen Vereinigung im Vorstand des Ollnborger Kring.

3. Zwei Mitglieder des Ollnborger Kring im Vorstand der Literarischen Vereinigung.

4. Der Name des Vereins: „Ollnborger Kring, Heimatverein“.

Am 21. März 1921 war es dann endlich soweit. In der Aula des Seminars (später Pädagogische Aka-

demie, danach Pädagogische Hochschule) an der Peterstraße fand die Gründungsversammlung statt.

Dr. Karl Fissen hielt einen Vortrag und erwies sich einmal mehr als „Kunstschmied“, der das „vor-

bereitete Eisen formte und zur gewünschten Gestalt werden ließ“.

Es waren etwas 60 Mitglieder, die den Ollnborger Kring an diesem Tage gründeten und folgenden

Vorstand wählten:

1. Vorsitzender, auch Kringbaas genannt: Dr. August Frese

2. Vorsitzender: Dr. Karl Fissen

Schrievers (Schriftführer):  Jan Heinken und Albert Hillmer

Schappkiekers (Schatzmeister): Buchhändler Siems und Georg Theilmann.

                                                                         - 3 -

Gleichzeitig wurde beschlossen, den jährlichen Mitgliedsbeitrag auf  12,00 RM festzusetzen und

sich alle 14 Tage zu einem Kringabend zu treffen. Am nächsten Tage konnten die Bürger in Olden-

burg die Gründung des Heimatvereins „De Ollnborger Kring“  in ausführlichen Artikeln der Presse

nachlesen.

Nun begann aber erst die eigentliche Arbeit: Literarische und heimatkundliche Vorträge, Wanderun-

gen in Oldenburgs Nachbarschaft und die Arbeit in den drei gegründeten Kringabteilungen:

1. Kringabteilung für Heimatgeschichte, Heimatkunde und Kunst.

2. Kringabteilung für Literatur und Theaterspiel

3. Kringabteilung für Musik und Volkstanz.

„Arbeit ist unsere Unterhaltung“ hatten die Kringgründer geschrieben. Nun hatten sie mehr Unter-

haltung als sie wohl jemals zuvor erwartet hatten. Es mussten nicht nur die geplanten Abteilungen

und Aktivitäten in Gang gesetzt werden, sondern es gab auch noch vielerlei Dinge zu regeln, die für

ein funktionierendes Vereinsleben unerlässlich sind.

Dr. Karl Fissen hatte die Idee eine Laterne als Wahrzeichen für den Ollnborger Kring zu wählen. In

einer Zeit der politischen Wirren und der menschlichen Not sollte dieses Licht der Kring-Laterne

sinnbildlich in das Dunkel der Zeit leuchten.

Bernhard Winter zeichnete daraufhin eine Laterne – een Schienfatt – wie sie in alten Zeiten auf Höfen

und in Häusern benutzt wurde und Karl Fissen schrieb 1921 das erste Schienfatt-Riemel:

                                       Dör dat Duuster van de Tiet

                                       lucht mien Schienfatt wiet un siet.

                                       Un dit Lucht, hier köönt ji`t läsen,

                                       schall mien Heimatgloben wäsen.

Das  „Schienfatt“  hat alle Turbulenzen dieses Jahrhunderts überstanden und steht auch heute noch über

allen Kringaktivitäten.

Ein wichtiger Bereich war den damaligen Verantwortlichen das plattdeutsche Theaterspiel. So wurde

schon kurz nach der Kring-Gründung eine Späälkoppel unter der Leitung von Kringbaas Dr. August

Frese aufgestellt, die schnell durch gute Leistungen auf sich aufmerksam machte. Sie spielte u.a.:

„Dat Schattenspill“ von Hermann Bossdorf,  „De Lotse“ von Stavenhagen, „Cilli Cohrs“ von Gorch Fock,

„Stratenmusik“ van Paul Schurek. Die Aufführungen dieser Anfangsstücke im Saal der Union

an der Heiligengeiststraße wurden gleich zu einem Riesenerfolg. Der Unions-Saal, der bis zu 900 Zu-

schauer fasste, war ständig ausverkauft. Dagegen litt das Landestheater unter einer viel zu geringen

Resonanz. Aus dieser Tatsache ergab sich fast zwangsläufig, dass sich das Landestheater bemühte,

die

niederdeutsche Bühne an ihr Haus zu holen. Bereits 1923 war es soweit. Die Späälkoppel begab sich

mit der Bezeichnung „Niederdeutsche Bühne Oldenburg“ mit dem Kringbaas Dr. August Frese als

Bühnenleiter

und als Abteilung des Ollnborger Kring  unter die künstlerische Leitung des Landestheaters Oldenburg.

Diese

so erfolgreiche Bühne wurde am 18. April 1939 zu Ehren von August Hin-

richs, der an diesem Tage 60 Jahre alt wurde, in August-Hinrichs-Bühne umbenannt.

Jan Heinken begann bereits im Gründungsjahr mit der Erarbeitung eines plattdeutschen Kalenders

im Sinne von Theodor Dirks, der ausschließlich plattdeutsche Beiträge enthielt. Sogar die Werbung

war Plattdeutsch. So erschien 1922 der erste „Plattdüütsch Klenner“ herausgeben vom Ollnborger

Kring mit dem Schienfatt als Erkennungszeichen. 

Es folgten schwere Jahre in Deutschland. Die Menschen litten unter der Inflation, der Arbeitslosigkeit

und der immer größer werdenden Armut. Trotz weniger Mittel und Möglichkeiten arbeitete der Kring

weiter und vermittelte auf seine Weise ein bisschen Freude und Entspannung für all die Menschen, die

nedderdüütsch Aart un plattdüütsch Woort schätzten.

Die Kringarbeit in den Jahren 1933-1945 darzustellen ist nicht leicht. Sicherlich wollten die meisten

Kringmitglieder eine kontinuierliche Fortsetzung der Arbeit nach bewährten Strukturen und Inhalten.

Der politische Druck der nationalsozialistischen Herrschaft wurde allerdings auf alle Vereine immer größer.

Obwohl der Ollnborger Kring noch nicht politisch bedrängt wurde, führte der damalige Kring-baas Hermann

Oncken  den Ollnborger Kring bereits 1935 in die NS-Kulturgemeinde.

                                                                         - 4 -

Dies bedeutete für den Kring eine Gleichschaltung mit den vom Staat verordneten kulturellen Zielen.

Die kritischen und mahnenden Stimmen von Persönlichkeiten wie August Hinrichs, Dr. Karl Fissen

und Heinrich Diers überhörte Hermann Oncken offensichtlich ganz bewusst. Dieser schien mit den

neuen Zielen und den Sprachgeflogenheiten der NS-Ideologie schon recht gut vertraut zu sein, denn bereits

viele Monate vor dieser Eingliederung bekannte er sich in Briefen und Reden eindeutig zum Nationalsozialismus

(nachzulesen in der Kring-Chronik Band 6 u.a. auf den Seiten 137 und 199).

Natürlich wäre die Alternative zum Eintritt in die NS-Kulturgemeinde die spätere Auflösung des Vereins

Ollnborger Kring gewesen. Scharf zu verurteilen ist aber die NS-Einstellung des Kringbaas  Hermann Oncken

und der viel zu früh gewählte Zeitpunkt des Beitritts in die NS-Kulturgemeinde.

Sehr viel anders war die politisch so nachhaltige, unglückliche Beteiligung August Hinrichs als Lei-

ter der Reichsschrifttumskammer im Gau Weser-Ems. Er hatte diese Aufgabe übernommen, um Schlimmeres

vom Kring und vor allem von den niederdeutschen Schriftstellern abzuwenden. Er half

wo er nur konnte und ermöglichte zum Beispiel der Leeraner Schriftstellerin Wilhelmine Siefkes, die Schreib-

und Veröffentlichungsverbot hatte, ihren Roman „Keerlke“ zu veröffentlichen.

Die meisten Akteure im Ollnborger Kring haben aber trotz der auferlegten Blut- und Bodenideologie versucht,

im Sinne der Gründungsziele weiterzuarbeiten. Durch die zahlreichen und regelmäßigen Kringveranstaltungen

konnten viele Menschen, wenn auch nur für kurze Augenblicke, dem grauen Alltag entfliehen und sich an Tanz,

Musik, Spiel und plattdeutscher Literatur erfreuen.

In den Kriegsjahren 1941/42 kamen aber auch die letzten Aktivitäten des Ollnborger Kring zum Erliegen. Alles

versank in einer unbeschreiblichen Trostlosigkeit.

 

1945 – der Zweite Weltkrieg und das Wirken des Nationalsozialismus waren vorbei und die Auswirkungen für

die Menschen in Deutschland und in vielen Teilen der Welt waren verheerend, sie waren noch schlimmer als nach

dem Ersten Weltkrieg. Wohnungen, Verkehrswege, Industrie und die ge-

samte Infrastruktur waren zerstört. Viele Großstädte glichen nur noch einem einzigen Trümmerfeld. Millionen von

Menschen aus dem Osten Deutschlands wurden aus ihrer Heimat vertrieben und kamen

ohne Hab und Gut, oft krank an Körper und Seele im Westen an. Allein in die Stadt Oldenburg, die

damals etwa 80.000 Einwohner zählte, kamen 40.000 Flüchtlinge, die aufgenommen und versorgt wer-

den mussten. Die Sorge um eine Unterkunft und um die tägliche Verpflegung war für alle Bürger zu-

nächst das größte Problem. Alle Menschen litten Not, körperlich wie seelisch, aber die Menschen, die aus dem

Osten gekommen waren, hatten auch noch ihre Heimat verloren und oft unbeschreibliche Grausamkeiten auf der

Flucht erlebt.

Wie sollte es nur weitergehen? Die Hoffnung auf ein demokratisches Gemeinwohl groß, aber dies war noch ein

kleiner, zarter Keim, der nach der Zeit der brutalen Gewalt behutsam gepflegt werden musste.

Nur wenige Menschen wurden wegen ihrer politischen Einstellung und Vergangenheit als geeignet an-

gesehen, führende Aufgaben bei dem Wiederaufbau und der Verwirklichung eines demokratischen Ge-

meinwesens zu übernehmen.

Heinrich Diers war einer der wenigen, der sich mit großem persönlichen Risiko, aber erfolgreich gegen

die Vereinnahmung durch die Nazis gewehrt hatte. So eine Aussage klingt heute recht nüchtern und

fast ein bisschen selbstverständlich. Damals konnte sie ganz schnell Tod oder Abtransport in eines der

vielen KZs, also auch den langsamen Tod, bedeuten. Übrigens hat Heinrich Diers als Lehrer seinen Eid

auf Adolf Hitler verweigert und wurde deshalb sofort vom Dienst suspendiert. Bemerkenswert und ab-

solut typisch für Heinrich Diers ist, dass er etwa zwei Jahre lang, trotz der dienstlichen Suspendierung, jeden

Morgen mit Schultasche zur Röwekampschule gegangen ist, um seinen Dienst anzutreten. Schon am Tor

wurde er dann vom Rektor empfangen und gleichzeitig abgewiesen. So hat er trotz des Unterrichtsverbotes

nicht einen Tag Schule versäumt.

Heinrich Diers war in Oldenburg als ein liberaler und besonders korrekter Mann bekannt, der über große

schriftstellerische Fähigkeiten, besonders in der niederdeutschen Sprache verfügte. Der ebenfalls liberale

Ministerpräsident des neu gegründeten Landes Oldenburg, Theodor Tantzen-Heering, war davon überzeugt,

dass Heinrich Diers der geeignete Mann sei, dem Ollnborger Kring wieder Leben und Ansehen zu

geben.

                                                                         - 5 -

Zum zweiten Male stand der Ollnborger Kring damit in der Verantwortung, den Menschen nach einem verlorenen

 Krieg rechtsstaatlich korrekte Inhalte heimatlicher und niederdeutscher Kultur aufzuzeigen und vorzuleben. Heinrich

Diers wollte die Aufgabe nicht gern übernehmen, denn sein persönliches An-

liegen war die schriftstellerische Betätigung. Aber Theodor Tantzen und August Hinrichs bedrängten ihn so sehr,

dass er schließlich einwilligte. Dies bedeutete, dass mit Heinrich Diers eine Persönlichkeit an die Spitze des

Ollnborger Kring trat, der intellektuell wie auch durch seine menschlichen Fähigkeiten für diese schwere Aufgabe

in hohem Maße geeignet war. Er hatte klare Vorstellungen und zeichnete sich durch Ideenreichtum und ein besonderes

Durchsetzungsvermögen aus. Heinrich Diers wurde am

28. Januar 1946 auf der Hauptversammlung im Zeichensaal der Röwekampschule einstimmig zum Kringbaas

gewählt. Zum Schriftführer wurde Rudolf Tjaden und zum Kassenwart Emil Riemer gewählt. Gleichzeitig wurde

eine neue Satzung verabschiedet und der Mitgliedsbeitrag auf 2 Reichsmark pro Jahr festgesetzt.

Wer diese Zeit nicht miterlebt hat, kann sich nur schwerlich vorstellen unter welch ärmlichen Voraus-

setzungen der Neubeginn des Ollnborger Kring stand. Der Besitz von Tinte und Papier bedeutete schon ein

Stück Reichtum. Die Tagungsräume konnten nur dann notdürftig gewärmt werden, wenn die Besucher ein Stück

Torf, etwas Holz oder gar eine Tüte mit ein paar Kohlen zum Heizen mitbrachten. Die Beleuchtung reichte kaum

zum Vorlesen aus und ein paar mitgebrachte Kerzen verhinderten bei dem häufigen Stromausfall den Abbruch

der Veranstaltung.

Die Aktiven im Ollnborger Kring arbeiteten mit Freude und in freier Gestaltung eigener Ideen. In diesem Bestreben

wurden sie immer wieder ermutigt und angeregt durch die positive Ausstrahlung eines Heinrich Diers. Im Juli 1946,

also sechs Monate nach der Wiederaufnahme der Kringarbeit, zählte

dieser bereits wieder 1200 Mitglieder.

Es war nun schon das zweite Mal in diesem Jahrhundert, dass die Menschen in Deutschland aufgrund eines

furchtbaren Krieges entsetzliche Not litten. Bei allen gerechtfertigten Klagen sollte aber nicht vergessen werden,

dass dieser Krieg von Deutschland angefangen wurde. Fast jeder hatte menschliche oder sachliche Verluste zu

beklagen. Die Menschen mussten sich vorrangig um die Mahlzeit für den nächsten Tag sorgen, dennoch waren

auch Geist und Seele hungrig und erhofften sich ein wenig unzensierte Kultur.

Heinrich Diers hatte es geschafft, dass das von den alliierten Besatzungstruppen verhängte Versamm-

lungsverbot für den Ollnborger Kring als der erste und einzige Verein aufgehoben wurde. Geschickt vermied er

Großveranstaltungen und bezeichnete die regelmäßigen Kringveranstaltungen „Lüttje Kring-Abende. Er erwirkte

auch die Genehmigung, diese in der „Pädagogischen Akademie“ in der

Peterstraße und später in der „Brücke der Nationen“ in der Gartenstraße abzuhalten. Allerdings nutze

er ebenso die Freilichtbühne im Ziegelhofgelände, um auch einmal einer größeren Zahl von Besuchern

die jetzt freie Kring-Kultur bieten zu können.    

Viele fähige Bürger boten ihre Mitarbeit an. Der Musiklehrer Christian Krüger gründete gleich einen Kring-Chor,

Mathilde Weddi stellte eine Danz-Koppel zusammen und Persönlichkeiten wie Dr. Karl Fissen, Georg Theilmann,

Bernhard Winter, Hein Bredendiek, Walter A. Kreye, Carl Hinrichs und an-

dere Schauspieler der August-Hinrichs-Bühne und noch viele mehr stellten sich für Vorträge und Lesungen zur

Verfügung.

Heinrich Diers war ein moderner, liberaler Vorsitzender, der es verstand, Neuerungen in kulturellen

Veranstaltungen zuzulassen, ohne die Tradition zu vergessen. Eine starre Bewahrmentalität, wie man

sie leider noch heute in Ermangelung eigener Kreativität oft genug findet, war ihm fremd, er formte

und unterstützte eine kulturelle Richtung, die der Zeit entsprach.

Zu seinen größten Verdiensten zählt wohl, dass er den aus dem Osten vertriebenen Landsmannschaften, die noch

unter das Versammlungsverbot der Besatzungstruppen fielen, im Ollnborger Kring die Möglichkeit bot, ihre

heimatlichen Traditionen zu pflegen.        

Er brachte viele Aktionen auf den Weg, von denen wir heute noch profitieren. Mit der Hilfe von Georg

Theilmann stellte er ein kleine Sammlung plattdeutscher Bücher zusammen, die er später dem Spieker

übergab. Heute besteht diese Bibliothek – auch „Spieker-Bökerschapp“ genannt - aus mehreren tausend Büchern

und ist bei der Landesbibliothek Oldenburg untergebracht.

                                                                      - 6 -

Er schuf auch die Kring-Veranstaltung „Ut nee`e plattdüütsch Böker“, um Menschen auf gute und nicht so gute

plattdeutsche Neuerscheinungen  aufmerksam zu machen. Diese Veranstaltung wird heute noch einmal im Jahr

unter der Leitung von Fritz Lottmann durchgeführt.

Ende 1947 begann Heinrich Diers mit den Vorbereitungen zur Gründung eines Dachverbandes. Um

auch die Südoldenburger mit einbinden zu können, sicherte er sich die Unterstützung der tatkräftigen, resoluten

und anerkannten Südoldenburger Schriftstellerin Elisabeth Reinke und gründete den „Spieker – Bund Oldenburger

Heimatvereine“. Der Spieker sollte die Arbeit der Heimatvereine unterstützen, für Kontinuität und Meinungsaustausch

sorgen und die gesamte Heimatarbeit auf eine breitere Basis stellen. Im Rahmen dieser Organisation gründete

er Gruppen, in denen zum Beispiel  Volkstanz, die nieder-deutschen Schriftsteller, die Lehrer und Sänger aus den

Heimatvereinen und dem Umland zusammen- kamen, um ihre Arbeit effizienter gestalten zu können.

1954 gab Heinrich Diers nach 12-jähriger Zwangspause den „De plattdüütsch Klenner“ wieder heraus. Er hat übrigens

den für Oldenburg so wichtigen „Oldenburgischen Hauskalender“ 48 Jahre lang herausgeben. Im Jahre 1980 übergab

er nach 26 Jahren die Redaktion des „De plattdüütsch Klenner“ an Hermann Lüdken. Nach dessen Tod 1985

übernahmen Dieter Ehlers, Almuth Meiners, Arthur Alber, Walter Pieper und Hilke Helms die Arbeit. Heute wird „De

plattdüütsch Klenner“ von dem Redaktionsteam: Walter Pieper, Gerda Pieper und Hilke Helms-Slagelambers für den

Ollnborger Kring erarbeitet und von diesem herausgegeben. 

Heinrich Diers verstand es, auch jüngere Menschen für die Kringarbeit zu begeistern, die dann unter

seiner behutsamen Anleitung zu Führungskräften heranwuchsen. Von diesen recht zahlreichen jungen Leuten sollen

hier nur ein paar genannt werden; Annedore Christians, Heiko Fleck, Günter Kühn, Fritz Lottmann, Gerda Möllhoff,

Wolfgang und Almuth Schmalriede  u.e.m.

1975/76 erarbeitete Heiko Fleck, Günter Kühn und Fritz Lottmann als 2. Vorsitzende des Ollnborger Kring eine neue

Satzung, in der wieder, wie zu Gründungszeiten, ein Kringrat vorgesehen war. Dieser Kringrat, der im Vereinsrecht als

 Beirat bezeichnet wird, bestand aus den Vorstandsmitgliedern, den Gruppenleitern und vom Vorstand benannte Personen.

Er ist bis heute ein Gremium, das dem Vorstand bei allen wichtigen Entscheidungen beratend zur Seite steht. Auch bei

der Organisation von „Grode un

Lüttje Kring-Abende“, die Ausgestaltung eines Kring-Kramermarktswagen oder der Mitgestaltung des

jährlichen Fastelabend, genannt „Bullen- un Beester-Ball“ u. a. war die Mitarbeit des Kringrates stets hilfreich.

Alle Kringaktivitäten, sogar die Geschichte der Gründung, sind in einer Chronik festgehalten, die

heute über 25 großformatige Bände zählt und für Oldenburg und Umgebung eine interessante und nicht zu ersetzende

Zeitgeschichte darstellt. Ganz wichtige Chronisten waren bis heute Jan Heinken, der diese

Chronik zu Beginn des Jahres 1921 angefangen hat, dann Rudolf Tjaden, der die Chronik von 1946 bis

1975 geführt hat und Fritz Lottmann, der sie dann auch fast ein Viertel Jahrhundert konsequent fortführte. Einige Jahre

hat Hermann Reents fleißig die Kringaktivitäten gesammelt, bis sich nun im Jahre 2007 Fritz Lottmann noch einmal

bereit erklärt hat, die Chronik erneut zu gestalten und zu führen.

      

Am 20. September 1978, auf dem 839. Lüttje Kring-Abend trat Heinrich Diers als 1. Vorsitzender und

Fritz Lottmann als 2. Vorsitzender zurück. Das neu gewählte  Führungsduo bestand aus Günther Osterloh als 1. Vorsitzender,

also der Kringbaas und Heiko Fleck als 2. Vorsitzender. Damit wurde der Generationswechsel von Heinrich Diers zu Günther

Osterloh vollzogen und die Arbeit konnte fortgeführt werden.

In den Folgejahren waren u.a. Annedore Christians, Hein Bredendiek, Otto Burchards, Gert Harms, Hildburg Hecker, Hilke

Helms-Slagelambers, Dirk Hinrichs, Brigitte und Lutz Jakuboski, Ulrich Koffke, Fritz Lottmann, Almuth Meiners, Gerda Möllhoff,

Walter und Gerda Pieper, Ute Nehring, Hermann Reents, Bernhard Schmidt, Gisela Siefken, Renate Strempel, Rudolf Terwey,

Anton Günter Wempe wichtige Funktionsträger oder Gruppenleiter.   

 

Über 30 Jahre hatte Heinrich Diers den Ollnborger Kring in politisch wie wirtschaftlich schwierigen

Zeiten geleitet. Er hat nicht nur diesen für Oldenburg so wichtigen Verein wieder aufgebaut und in eine

                                                                       - 7 -

Blütezeit geführt, er hat es auch in kurzer Zeit geschafft, das Antlitz unserer norddeutschen Kultur von der hässlichen Fratze

des Nationalsozialismus zu befreien, so dass sie wieder frei und ansehnlich gestaltet, entwickelt und gelebt werden kann.

Die Stadt Oldenburg dankte ihm für sein Lebenswerk, indem er sich anlässlich seines  85. Geburtstages am 20. Februar

1979 in einer festlichen Feierstunde im großen Saal des alten Rathauses in das goldene Buch der Stadt eintragen durfte.

Heinrich Diers tat dies mit den Worten:

                        Ik freu mi: In min Vaderstadt is dat plattdüütsch Woort noch in`n Tell.

                       Hett dat ja ok verdeent, wenn`t bedüden deiht: Snack liek to, kant un klar!“

 

Am 03. Oktober 1980 starb Heinrich Diers im Alter von 86 Jahren und der Kring verlor seinen Ehren-Baas und seinen

klugen und wohlwollenden Ratgeber. Fritz Lottmann verlor seinen Freund und Mentor. Am 24.7.2003 konnte er aber in einem

öffentlichen Festakt in Oldenburg eine Heinrich-Diers-Straße einweihen, die er nach 20-jährigem Einsatz bei der Stadt Oldenburg

durchgesetzt hatte.

Der Ollnborger Kring arbeitete unter der Leitung von Günther Osterloh weiter. Es folgten in den Jahren nach 1978 noch viele

hochklassige und gut besuchte Veranstaltungen. Aber leider konnte der Ollnborger Kring – wie so viele Vereine - nicht durchgehend

mit der sich immer schneller verändernden Zeit Schritt halten. Die Zahl der Veranstaltungen wurde gekürzt, Gruppen lösten sich auf

und viele schöne Feste,

wie die Beteiligung am Kramermarktsumzug oder der Bullen- un Beester-Ball mussten aufgeben werden. Dennoch ist im Kring

immer noch viel Substanz und viel Schaffenswille.

Erwähnenswert ist übrigens noch, dass Fritz Lottmann und Arthur Alber im Auftrage des Spieker im Jahre 1984 unter literarischer

Beteiligung einiger Kringmitglieder wie Hein Bredendiek, Annedore Christians und auch mit eigenen Texten, das „Literatur-Telefon“

einrichteten. Unter einer bestimmten Telefonnummer konnte man Tag und Nacht einen plattdeutschen Literaturbeitrag von etwa

fünf Minuten Länge hören. Alle zwei Wochen wurden der Text und der Autor ausgewechselt. Die beiden Freunde schafften es,

die Anruferzahl in ganz kurzer Zeit von 0 auf 2000 Anrufer pro Monat zu bringen. Später übernahm Walter Pieper diese Aufgabe

und musste sie dann im Rahmen der neu gestalteten Telekommunikation aufgeben.      

Auch wenn Einiges aufgegeben werden musste, so konnte zum Beispiel die jährliche Veranstaltung „Kring up Reisen“ lebendig

gehalten werden. Seit einigen Jahren organisiert Fritz Lottmann jedes Jahr eine erlebnisreiche Halbtagsfahrt als Exkursion und

Günter Brüning gründete die beliebte wöchentliche plattdeutsche Klöönstunde, die er „Klöönsnack mit Tee“ genannt hat.

In der Hauptversammlung 2007 wollte der 2. Vorsitzende Hermann Reents und der Schriftführer Ulrich Koffke nicht wieder kandidieren.

Sie hatten sich, wie viele ihrer Vorgänger, um den Ollnborger Kring verdient gemacht.

Günther Osterloh wurde als Kringbaas bestätigt und führt nun seit fast 30 Jahren den Ollnborger Kring                                

Zum 2. Vorsitzender wurde Dirk Hinrichs gewählt und zur neuen Schriftführerin Ute Nehring. Als Kassenwart wurde Ekkehart Pille

bestätigt und Renate Strempel als Beisitzerin.

Die Chronik führt wieder Fritz Lottmann, die Danzkoppel leitet weiterhin Ulrich Koffke und die Lei-

tung der Kindertanzgruppe  „Kreyenkoppel“ bleibt bei Brigitte und Lutz Jakuboski.

Redaktion „De plattdüütsch Klenner“  Walter Pieper, Gerda Pieper, Hilke Helms-Slagelambers.

Da sich der Kring-Chor aufgelöst hat, trifft sich jetzt eine stark verkleinerte Singkoppel unter der Leitung von Anton Günter Wempe.

Für „Klöönsnack mit Tee“ ist Günter Brüning verantwortlich und jeden Monat findet in bewährter Tradition ein „Lüttjer Kring-Abend“ statt.

 

Wenn nun diese auch nicht mehr so junge Führungsmannschaft, sich ernsthaft bemüht, Tradition nicht nur zu verwalten, sondern weiter

zu gestalten und in die heutige Zeit zu stellen und dabei die neuen Kommunikationsmöglichkeiten sinnvoll nutzt, dann wird der Ollnborger

Kring auch weiterhin seinem Grundanliegen treu bleiben können:  

 

      

                                                                „För nedderdüütsch Aart un plattdüütsch Woort!“  

                                                                                                                                                                    

 

 
 

 

 

 

 

zurück